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Der launige Bericht von meinem Cousin Ulf Stadler wie er unseren Törn von den Bermudas auf die Azoren erlebt hat.

17.6.Freitag

Auf Stb Bug kommen alle Schubladen entgegen. Offene Spaghetti Packung fliegt mir beim Öffnen einer Schranktür entgegen. Ich wollte immer schon mal Mikado auf einem stark schwankenden Schiff spielen!

Unruhige See!!! Neigung bis 30 Grad. Jetzt mit 65 muss ich tatsächlich nochmal artistisch und gelenkig sein. FRAGE: Warum tu ich mir dies freiwillig an?

Kühler Wind, merken dass wir auf dem Nordatlantik sind

18.6. Samstag

Mache die Frühschicht und segle in den Morgen. Wunderschön!

Werfe die Toten Fliegenden Fische, die an Deck liegen zurück ins Meer. Besser ihr seid tot als ich 😊

Herrliches Segelwetter, 20 Kn Wind 5 BF

Sonne warm und intensiv aber Wind leicht kühl. Das Schiff rauscht mit bis zu 9 Kn dahin.

Schlafe vormittags nochmal 2 Std, permanenter Schlafmangel!

Heute Tagesrekord mit fast 170 SM!

Ich mache auch weiterhin den Smutje und bin „Chef“ unter Deck 😊

19.6.22

Seit Tagen immer 6 Windstärken mit 2-3 m - wenn auch typisch für den Atlantik eher langgezogene Wellen. Bei Jedem Gang im Schiff oder auf Deck muss ich mich wie ein Affe - aber statt von Liane zu Liane von Haltegriff zu Haltegriff hangeln, dennoch ramme ich mit irgendeinem Körperteil immer wieder gegen irgendwelche unangenehm harte Einbauten😟.

Wir spielen erneut das Thema Mann über Bord durch. (Was in welcher Abfolge sofort zu tun ist.) selbst bei so herrlichem klaren Sonnen Wetter ist bei den vorherrschenden 6 Windstärken aufgrund der hohen Wellen nur eine 20% Chance gegeben auch tatsächlich selbst tagsüber im Meer gefunden und gerettet zu werden(dies berichte ich bewusst erst jetzt, wo ich wieder an Land bin, sodass sich niemand!Sorgen machen muss‼️)Wir haben daher die sehr Klare Regel an Bord:

Bei Wind und Wellengang nur mit der sogenannten Picketline aufs Vordeck. Dies sind 2 Sicherheitsgurte wie im Klettergarten, die in eine an Bord fest verankerte Leine eingehakt wird. Dies ist insbesondere nachts wenn es stockdunkel ist und einer von uns 3 an Deck gehen muss um am Mast oder wo auch immer Handgriffe zu tätigen.

 

Wir haben weiterhin starken Südwind und damit Halbwind. Dies hilft uns sehr einen Schnitt von 7SM/ Std oder umgerechnet 13km/h zu erreichen.

Der Nachteil ist, dass kaum entspanntes Schlafen möglich ist, und wir aus Sicherheitsgründen zudem nachts jeder 3 Std Nachtwache haben. Sehne mich sehr nach MEINEM Bett zuhause‼️ Bei Nachtwache genieße ich den wunderbar klaren Sternenhimmel. Die Milchstraße ist sehr gut sichtbar. Welch ein beeindruckender Anblick😊❗️

Die schönste Nachtschicht ist die ab 3 Uhr morgens, wenn ich in den aufgehenden Tag hinein segeln kann. Hörbücher halten mich wach.

 

Was zunehmend nervt sind die ewig feuchten, vom Salzwasser klammen Klamotten auch das Bettzeug🤪 ist inzwischen salzgestärkt.

Selbst der Kaugummi in der Dose, die ich nur gelegentlich öffne, um mir einen rauszunehmen ist von dieser kurzen Öffnung nur noch labbrig🙁

Auch müssen wir, da wir nur begrenzte Kühlmöglichkeiten haben immer wieder verschimmelte frische Lebensmittel ( Obst, Gemüse, Brot ect) über Bord schmeißen, die wir auch noch teuerst auf den Bermudas eingekauft hatte. Manch ein Ei riecht schon sehr auffällig 😏

 

22.6

Erneut begleitet uns vormittags eine Gruppe Delfine und springt um den Bug herum immer wieder aus dem Wasser.Welch schöner Anblick.👍

Anscheinend gibt es nur die Extreme: entweder zu viel oder zu wenig Wind😟, denn inzwischen ist der Wind vollkommen eingeschlafen Wir laufen über Tage unter Motor mit nur 4 Kn/ Std. (ca. 7 km/h). 😟

Haben letzte Nacht die 1.000 Seemeilen bis auf die Azoren unterschritten🙏. Jetzt zählen wir schon jede 100 Seemeilen, die wir unserem Ziel den Azoren näher kommen.

 

23.6 Donnerstag

Zwei Wale kreuzen unseren Kurs und wir erhaschen einen kurzen Blick. Welch majestätische Tiere.

Der Wind bricht erneut ein und das bei nach wie vor hoher Welle/Dünung. So macht „Segeln“ überhaupt keinen Spaß. Fahren wieder unter Motor😩.

Bei Welle und starkem Wind knarrt und ächzt das Holzboot so laut, dass dies zusätzlich zum in der Koje hin und her geworfen werden das Schlafen erheblich erschwert. 😝 . Ich werde nie ein Weltumsegler werden und sehen mich nach meinem Renncat zuhause.

 

25.6. Samstag

Windstille, immer noch 600 Seemeilen😟bis auf die Azoren. Das sogenannte und allgemein bekannte Azorenhoch hat uns erwischt. Dies sorgt zwar für gutes Wetter in Deutschland aber hier auf dem Atlantik zur absoluten Flaute.

Eigentlich sollte ich hier jetzt Westwind herrschen. Dieser ist aber bisher nicht eingetreten.🙄 Alle frischen Lebensmittel sind aufgebraucht. Ab jetzt gibt es nur noch Dosenfutter, auch keine besonders attraktive Alternative zu den sehr fleischlastigen Eintopfs des Skippers.

Die Sonne brennt und wir können selbst bei Windstille seit dem Ablegen von den Bermudas nicht mal im Meer baden. Überall auf der Wasseroberfläche schwimmt die sogenannte Portugiesische Galeere, eine hochgiftige Qualle mit ihren bis zu 50 Metern langen Tentakeln.  Dafür sind wir alle drei inzwischen nahtlos dunkelbraun 🧒🏽 und die Stimmung ist weiter GUT!

 

Die PAMINA, die Yacht meines Cousins ist zwar schon sechs Jahre alt aber erst vor zwei Jahren erstmals ins Wasser gelassen worden. Der Eigner ist ein Technik- und Sicherheits Freak und hat das Boot selbst end ausgebaut und mit enorm viel auch Sicherheits- Technik ausgestattet. Dies öffnet natürlich auch Tür und Tor, dass immer wieder etwas kaputt geht...... ☹

Normalerweise werden windarmen Zeiten genutzt, um Reparaturen ( es gibt IMMER was zu tun‼️ und er Skipper ist hier erbarmungslos ☹ )am Schiff vorzunehmen.

Die Toilette streikt, und somit wird/ muss diese nun auch bei Wind und Wellengang auseinander gebaut und repariert werden. Uihhh, da kommt Spaß und Freude auf. 😂

 

Wir sind an Bord drei Männer und ein achtjähriges Mädchen. Da auf diesen wenigen Quadratmetern teils sehr unterschiedliche Ansichten über Ordnung und Sauberkeit bestehen 😊 bedarf es neben einer ausgeprägten Toleranz aber auch eines Kümmerers, na ratet mal……..

 

27.6.Montag

Der größte Teil der Welt um Segler segelt von Europa aus mit dem sogenannten Passat Wind ( also der Wind kommt achterlich/ von hinten) meist in die Karibik. Nur die Allerwenigstens segeln dann aus der Karibik auch wieder zurück nach Europa. Dies hat mit den meist vorherrschenden sehr ungünstigen Winden von West nach Ost zu tun. Entweder Segeln die Welt um Segler dann aus der Karibik weiter in den Pazifik oder aber sie verschiffen ihr Boot auf einem Frachter huckepack aus Amerika zurück nach Europa. Muss man sich halt auch leisten können. Aber Armut habe ich bei den diversen Schiffseignern, die ich bis jetzt auf dem Törn kennlernte, noch nicht feststellen können.

Während wie ich aus Telefonaten mit meiner Frau weiss, dass in München hohe Temperaturen vorherrschen, sind diese hier nachts aber auch teilweise tagsüber im Vergleich zur Karibik aufgrund des kühlen Nordwindes zunehmend nicht sommerlike! 🥺

Wir haben noch gut 400 SeeMeilen vor uns und jetzt vier Wochen nach Beginn der Atlantiküberquerung auf Jamaica wollen wir endlich ans Ziel‼️ Zu unserer aller Erheiterung haben wir durch einen technischen Defekt eines Ventils sehr viel Frisch Wasser verloren. Somit wird ab sofort auch das

Frischwasser rationiert. Insbesondere das Duschen und Waschen mit Salzwasser an Deck 😝macht ausgesprochene Freude 😂und hebt die Stimmung an Bord👍Zudem hat keiner von uns mehr ein Deo😏…..

 

Von meiner Frau Cornelia weiß ich, dass zumindest im Großraum München herrliches heißes Sommerwetter herrscht. Genau dieses Azorenhoch 🌞wie ihr es jetzt genießt, bedeutet für uns Flaute Flaute, Flaute.

Wir sind eine Segelyacht und kein Motorboot und wollen Segeln und nicht unter Motor fahren. Padeln oder die 23 Tonnen Yacht schwimmend vor uns her zu stoßen ist allerdings auch nicht vielversprechend.

Aufgrund der um uns herum vorherrschenden Flaute bleibt uns aber nichts anderes übrig als erneut - seit nun schon circa 40 Std - weiterhin unter Motor zu fahren.

 

Mein Cousin hat selbst großes Interesse baldmöglichst auf den Azoren anzukommen, da er seit Tagen unter erheblichen Zahnschmerzen leidet. 🥹

(Dies tut der guten Männerstimmung aber keinen Abbruch, zudem bekommen wir fast täglich eine Modenschau von der 8jährigen Tochter des Skippers) Ein Zahnarzt ist hier auf dem Atlantik weit und breit nicht in Sicht.😟

Ein großer Schwarm Delphine 🐬begleitet uns eine ganze Zeit lang am Bug nach dem Abendessen zum Sonnenuntergang.🌅Welch ein faszinierendes Schauspiel wie sie immer wieder elegant unters Boot ⛵️sowie unter und über einander wegtauchen nachdem sie wie auf Kommando vorher in Gruppen aus dem klaren Wasser in die Höhe gesprungen sind.

 

28.6

Juhuuuuuu, nur noch 180 Seemeilen bis auf die Azoren.🙏

Nicht nur weil wir bei lediglich leichtem achterlichem Wind mit nur geringer Geschwindigkeit voran kommen und somit den Diesel-Motor dazu schalten müssen, um auf unsere selbst festgelegte Mindesttagesdistanz von 130 Seemeilen zu kommen, sondern die Tatsache dass wir nun schon seit sechs Wochen auf engstem Raum an Bord sind, lässt unser aller Wunsch immer deutlicher werden endlich am Ziel anzukommen. Es langt❗️Vor allem bin ich den permanenten Schlafentzug leid!

Im Regelfall gehen wir abends sehr zeitig ins Bett. Dies hat nicht nur damit zu tun dass wir 3-4 Stunden Nachtwache schieben müssen (um auf dem Radar zu sehen ob gegebenfalls eine Schiffskollision mit einem anderen Boot oder auch Frachter droht), sondern auch weil der Körper den ganzen Tag über mit den Muskeln angespannt die Bewegungen des Schiffes ausgleichen muss. Auch wenn ich noch so müde bin, lässt das von der Dünung oder den Wellen nachts stark rollende und schwankende Schiff kaum Schlaf zu.😩

 

30.6 Donnerstag

Nur noch 100 SM bis auf die Azoren‼️ Schiff putzen ist angesagt. Überall haben sich nicht nur auf dem Schiff vom Spritzwasser, sondern auch im Schiff Salzkristalle gebildet. Hat irgend jemand Interesse an der kostenlosen Lieferung von Meersalz?

Auch beim Wetter merken wir dass wir in Europa angekommen sind. Der Himmel ist grau, es regnet leicht, aber die Stimmung wird immer besser. Mein Rückflug ist gebucht Juhuu‼️und ich freue mich sehr auf meine Familie und Freunde. 😊

Allerdings werden wir uns heute Abend im Hafen von Horta auf den Azoren in Peters Weltumsegler Kneipe erstmal so richtig einen „ löten“🤪‼️

 

ENDE meiner Reise aus der Karibik über den Atlantik bis nach Europa.

Damit ihr euch die Distanz vielleicht besser vorstellen könnte hier eine kurze plastische Darstellung:

Wir sind seit dem Ablegen von Jamaica 3.100 SM also umgerechnet circa 5.600 km bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 5,2 Kn entsprechend ca 9km/h (entspricht schnellem Gehen) gesegelt beziehungsweise unter Motor gefahren. Jaaaanz schön viiiiel nich war?

 

Fazit Karibik/ Atlantiküberquerung:

 

3.100 Seemeilen, 300 qm Segelfläche, bis zu 30% Schiffsneigung, 3.860 Buchseiten gelesen/ gehört sowie viel guten Hard Rock u.a. Rammstein habe ich für die Fische über den Ozean hallen lassen( Mann, wie freue ich mich 🤪auf deren Konzert in Turin in 2 Wochen)

Was werde ich vermissen:

Wunderschöne Sonnenauf/ Untergänge.

Zeit für mich, zum Nachdenken und Lesen, Stille und Weite des Meeres.

Traumhafte Strände und türkisfarbenes Wasser in der Karibik.

Delphine, Wale und Wasserschildkröten.

 

Worauf freue ich mich am meisten:

Cornelia, meine Kinder, Familie und Freunde.

Mein eigenes nicht schaukelndes Bett und unverkrampft/ unverkeilt und somit entspannt!!! schlafen zu können und mich nicht ewig irgendwo festhalten zu müssen.

Keinen fortwährenden Salzgeschmack auf der Zunge, der Haut.

Keine ewig klammen und vor Salz strotzenden Klamotten.

Festen Boden unter den Füßen und das nicht nur auf ein paar wenige qm beschränkt.

KEINE Befürchtung mehr zu haben, insbesondere nachts -obwohl angeleint- vor allem bei Starkwind und entsprechender Welle über Bord zu gehen und für immer im Atlantik zu verschwinden…..

ES WAR EIN TOLLES, ABER AUCH IM WAHRSTEN SINNE DES WORTES E I N M A L iges ABENTEUER/ ERLEBNIS

PS: Ich hatte insbesondere Cornelia, meinen Kindern, Großfamilie aber auch manchem Freund versprochen unversehrt zurückzukommen. Ich bin glücklich, dankbar und sehr froh, dieses Versprechen auch tatsächlich eingehalten zu haben. Dies ist - wie ich selbst gesehen oder auch über und von anderen auch den Atlantik überquerenden Yachten gehört/ gelesen habe - nicht selbstverständlich!

 

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